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„Deutschlandradio Kultur“

…ein großartiges Zeitporträt, von dem man sich eine Fortsetzung wünscht.
05.09.2015
Anders als in „Knight of Cups“ haben die Heldinnen des Dokumentarfilms „Private Revolutions“ echte Probleme. Die österreichische Regisseurin Alexandra Schneider hat fast zwei Jahre lang politisch aktive Frauen in Ägypten während des Arabischen Frühlings und danach filmisch begleitet. Amani hat ein Internetradio gegründet, das die Unterdrückung der Frauen thematisiert. Fatema ist als Mitbegründerin der Partei der Muslimbrüder aktiv, und Sharbat sieht sich wegen ihrer Aktivitäten Anfeindungen bei Nachbarn und Familie ausgesetzt:

„Ich habe auch große Probleme mit meinem Mann, weil ich an den Demonstrationen teilnehme. Er sagt: ‚Nimm die Kinder mit. Wenn Du stirbst, sterbt ihr alle zusammen, dann habe ich meine Ruhe.“

Alexandra Schneider lässt die gegensätzlichen Frauen – von der emanzipierten Amani bis zur tief religiösen Fatema – unkommentiert agieren. Und aus dieser ganz persönlichen Perspektive entwickelt sich ein erstaunliches Gesellschaftsporträt. Ob in Debatten auf dem Tahrirplatz oder Diskussionsrunden, in denen auch sehr junge Männer mit Unverständnis auf die Forderungen der Frauen reagieren:

„Mein Vater hatte drei Frauen und meine Mutter, war damit einverstanden. Als er die Vierte heiratete, konnten die anderen nichts machen. Das ist das Gesetz. Ihr müsst die Realität akzeptieren.“

„Private Revolutions“ begleitet die Frauen von der Euphorie des Aufbruchs bis zur Ernüchterung über die erneute Unterdrückung nach dem Ende des Arabischen Frühlings. Resignierten Schmerz, aber auch ungebrochene Zuversicht lässt diese schillernd-bunte Dokumentation den Zuschauer hautnah spüren – ein großartiges Zeitporträt, von dem man sich eine Fortsetzung wünscht.

„Skip“ – Das Kinomagazin

Pure Realität. Alexandra Schneiders fesselnde Doku begleitet vier Frauen durch die heiße Phase der ägyptischen Revolution.

Vier Frauen aus Kairo sehnen sich aufrichtig nach einer besseren Welt: Amani ist unverheiratet und betreibt ein Web-Radio für Frauenangelegenheiten; die Staatspolizei sitzt ihr im Nacken. Fatema ist mehrfache Mutter, streng praktizierende Muslima, schließt gerade ihr Politologie-Studium ab und arbeitet für die Muslimbrüderschaft. May, als Nubierin einer Minderheit zugehörig, beendet ihre Banker-Karriere für ein Sozialprojekt im Süden Ägyptens. Sharbat schließlich protestiert regelmäßig am Tahrir-Platz und riskiert dafür ihre Ehe; ihr ältester Sohn wurde bereits übel vom Militär gefoltert. Wir lernen sie alle – jede auf ihre Weise faszinierend und stark – kennen, während sich in den Jahren 2011 bis 2013 die ägyptischen Revolution ereignet. Aber Private Revolutions bietet weitaus mehr: Seine unparteiische Studie muslimischer Frauen von heute ist nicht nur angesichts der akuten Bedrohungen, denen sich die Filmemacherin und ihr Team mehrfach aussetzen, ein Wagnis, vor dem man den Hut ziehen muss. Er relativiert auch sämtliche Vorstellungen und Ressentiments, die uns oberflächliche Berichterstattung eingeflößt haben mögen. Seine Protagonistinnen sind Opfer und Heldinnen zugleich, seine Dramen echt, seine Darstellungen unmittelbarer Realismus: informativ, innovativ, mitreißend, die Augen öffnend – ein Film, den den man sich unbedingt ansehen sollte.

„Die Presse“ – Österreich

07.02.2015

Mit der Kamera in Kairo: Ägyptens private Revolution

von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

Kino. Alexandra Schneider und Daniela Praher haben vier ägyptische Frauen porträtiert. Und zeigen, dass die Revolution auch im Wohnzimmer passiert.

Amani hat kurze Haare, trägt bunte T-Shirts, hat einen Verlag und ihre eigene Radiostation für Frauen. Sie ist unverheiratet und muss sich dafür genauso rechtfertigen wie die gut ausgebildete Nubierin May, die ihre Stelle als Bankerin aufgibt, um ihr eigenes Entwicklungsprojekt im konservativen Süden Ägyptens aufzubauen. Fatema spricht fließend Englisch, kümmert sich um ihre Kinder – und macht nebenbei politische Karriere bei den Muslimbrüdern. Und dann ist da noch Sharbat, die ein bisschen wie Marion Cotillard aussieht und die sich beharrlich ihrem Mann widersetzt, um auf dem Tahrir-Platz zu demonstrieren – für die Zukunft ihrer Söhne.

Als 2011 in Ägypten die Revolution ausbrach, saßen Alexandra Schneider und Daniela Praher vor dem Fernseher, aber vor allem vor dem Computer: Und haben dabei „einiges gesehen, das so in den klassischen Nachrichten nicht vorkommt“. Etwa, wie viele der Aktivisten Frauen sind: oft allein unterwegs, sehr eloquent, manchmal provokativ. „Das hat für mich das Klischee von muslimischen Frauen infrage gestellt“, sagt Schneider. „Für mich war der arabische Raum plötzlich nahbar, spürbar“, ergänzt Praher. Ziemlich zeitgleich hatten die beiden das Gefühl, dass da etwas in der Luft liegt, dem es sich nachzugehen lohnt.

Klima immer aggressiver

Drei Jahre lang haben die Regisseurin und die Produzentin für die Dokumentation „Private Revolutions“ die genannten vier (außergewöhnlichen) Frauen begleitet. Der Juni 2011, erinnern sie sich, sei dabei ein guter Zeitpunkt gewesen, um „anzudocken: Alle waren euphorisch.“ Mit der Zeit änderte sich das Klima merklich, wurde immer aggressiver; auch westlichen Medien gegenüber. Es sei aber auch nie das Ziel gewesen, nur einen schnellen Revolutionsfilm zu machen. „Wir zeigen einen laufenden Prozess.“

Viel haben Schneider und Praher darüber gesprochen, ob es nicht vermessen sei, wenn Ausländerinnen einen solchen Film drehen. Letztlich habe sich das wohl sogar als Vorteil entpuppt: „Weil wir neutral wahrgenommen wurden. Ein Ägypter hätte wohl nicht so leicht den Bogen von der linken Aktivistin bis zu den Muslimbrüdern spannen können.“ Genau das war aber immer das Ziel: „Weil es diese Vielfalt ist, die Demokratie ausmacht.“ Und weil die Demokratie mit gesellschaftlichen Veränderungen einhergehen muss. Noch, sagt Schneider, sei Ägypten geprägt von Patriarchat und Obrigkeitshörigkeit, „da wird auch in einem Unternehmen nicht erwartet, dass ein Mitarbeiter eigenständig denkt“. Aber wie soll Demokratie funktionieren, wenn ein junger Mann vor der Kamera erklärt, dass zu Hause doch nur einer entscheiden kann? Seine Frau könne ihre Meinung ja sagen, erklärt er, „und wenn sie mir gefällt, dann berücksichtige ich sie“.

Für die beiden Oberösterreicherinnen, die sich schon seit der Schulzeit in Linz kennen, blieb der Film nicht ungefährlich. Ein Risiko, das sie bewusst eingegangen sind. Immer wieder wurden sie bedroht, zwei Mal landeten sie auf der Polizeistation. Einmal waren sie davor im ärmlichen Viertel von Sharbat von einem Mob bedroht worden, mussten sich in der Wohnung verschanzen. Am Ende hatte der Polizeibericht nichts mit den Geschehnissen zu tun. Da, sagt Schneider, wundere sie sich nicht, wenn die Menschen Dinge selbst in die Hand nehmen.

Apropos in die Hand nehmen: Für Daniela Praher war der Film der Auslöser, ihre eigene Produktionsfirma zu gründen. „Es war quasi auch für uns eine Revolution.“ Für Schneider bildete die Dokumentation die perfekte Symbiose ihrer Interessen – ist sie doch ausgebildete Sozialarbeiterin, wechselte erst mit 27 auf die Filmakademie. „Ich weiß jetzt: Das ist die Art von Film, die ich machen möchte.“

Mit drei der Frauen (Fatema hat nach dem Wahlsieg der Muslimbrüder Ende 2011 den Kontakt abgebrochen) sind sie noch in Kontakt. Auf die Protestbewegung halte die Militärregierung derzeit „den Deckel“. Erst diese Woche wurden hunderte Aktivisten zu lebenslänglicher Haft verurteilt. „Aber es brodelt. Und man sieht, dass es auch im privaten Bereich knirscht.“

„Die Frauen sind der Motor der Revolution“

Austrian Film Commission, Wien

Ein Gespräch von Karin Schiefer mit Alexandra Schneider über ihren Dokumentarfilm PRIVATE REVOLUTIONS.

Welcher Zeitraum liegt zwischen dem ersten und letzten Drehtag, an denen Sie in Ägypten gedreht haben?

Alexandra Schneider: Fast zwei Jahre. Im Juni 2011 waren wir zum ersten Mal zwei Wochen zur Recherche dort. Der eigentliche Dreh begann im November 2011 und ging bis Anfang März 2013. Unsere Dreharbeiten enden zu einem Zeitpunkt, als Mursi noch im Amt war, also ungefähr zwei Jahre nach der Revolution. Während der Umsturzfeiern im Juli 2013 haben wir nicht mehr gefilmt. Zum einen hatten wir da schon eine sehr fortgeschrittene Schnittfassung, zum anderen herrschte eine aggressive Stimmung gegen die Muslimbrüder und auch gegen die Journalisten. Die politische Weiterentwicklung fließt durch einen Epilog ein, ich war im Dezember 2013 privat nochmals in Ägypten, um drei der Frauen zu treffen und ihnen den Rohschnitt zu zeigen. Die vierte Frau in meinem Film, Fatema, hatte ja den Kontakt zu mir völlig abgebrochen.

Was hat Sie mit der Filmkamera in den Arabischen Frühling geführt?

Alexandra Schneider: Die Neugierde. Ich war sehr berührt von den Themen, für die die Menschen auf die Straße gingen: Themen wie Freiheit, Solidarität, Brüderlichkeit. Der Slogan lautete: „Brot, Freiheit und mehr soziale Gerechtigkeit“. Die Slogans bezogen sich nie „Gegen Mubarak“ oder „gegen etwas“ sondern von Beginn an „für etwas“. Es hat mich persönlich begeistert, dass ganz junge Frauen plötzlich von sich reden machten, und zwar nicht die altbekannten Feministinnen. Zum Beispiel Asma Mahfouz, die zu Hause am Computer ein Video gedreht hat und sagt, „Ich werde morgen am Tahrir-Platz stehen und wenn ich mit meinem Schild dort alleine stehe und rund um mich hunderte Polizisten, dann sind nicht nur sie daran schuld, sondern auch ihr, denn ich kämpfe für mehr Gerechtigkeit für uns alle“. Es hat mich beeindruckt, dass Frauen da so aktiv sind. Eine Freundin, die in ihrer Kindheit in Ägypten aufgewachsen und jetzt Fotografin ist, war bereit, mit mir nach Ägypten zu fahren, Daniela Praher, die Produzentin, war auch sehr angetan und wir beschlossen, zunächst zur Recherche nach Ägypten zu reisen, um herauszufinden, was denn überhaupt machbar sei. Die Freundin hatte noch Kontakt zu ehemaligen Schulfreundinnen, da trafen wir schon auf viel positives Feedback. Die Grünen im Europa-Parlament unterstützten uns ebenfalls. Sie luden uns nach Brüssel ein, wo eine Delegation junger Ägypterinnen zu Gast war, mit denen wir in Kontakt treten konnten. Bei unserer Recherche-Reise im Juni 2011 herrschten noch große Euphorie und Stolz in Ägypten, dass sie es geschafft hatten. Es war Aufbruchsstimmung und große Offenheit. Das hat sich dann stark gewandelt. Die Drehbedingungen wurden zu einem späteren Zeitpunkt sehr unlustig Da hatten wir uns aber bereits eine solide Basis und einen guten Kontakt zu unseren Protagonistinnen aufgebaut. Im Juni haben wir uns mit mehr als 20 Frauen getroffen, damit kam alles ins Rollen. Unsere Bilder von Frauen aus muslimisch dominierten Ländern sind oft sehr stereotyp geprägt.

Ging es Ihnen auch darum, die undifferenzierten Vorstellungen von „den unterdrückten Frauen“ zu revidieren.

Alexandra Schneider: Es hat mich im Speziellen interessiert, wie es Frauen geht. Mein Beweggrund bestand darin, dass ich mir als junge Frau diese rigide, patriarchalische Gesellschaft näher anschauen will, in der es grundsätzlich schwierig ist, etwas zu verändern, aber für junge Frauen noch schwieriger sein muss. Was heißt es für eine junge Frau, wenn sie etwas verändern will? Mit welchen Konflikten und Widerständen muss sie rechnen? Wie reagiert ihr Umfeld? Durch die Revolution hat sich plötzlich ein Ventil geöffnet, dass man an die Leute herankonnte.

In einer der ersten Einstellungen Sind sie im Bild, zwei weitere Male folgen. Wollten Sie sich bewusst von Beginn an positionieren?

Alexandra Schneider: Ich hatte nicht grundsätzlich das Bedürfnis, im Film sichtbar zu sein. Im Schnitt hat sich herausgestellt, dass klar sein sollte, dass es ein Film einer Ausländerin über die Revolution in Ägypten ist, einer Ausländerin, die zwar tief eindringt, aber dennoch eine Blick von außen hat. Für eine Ägypterin wäre es wiederum nicht möglich gewesen, einen Film zu machen, in dem dieses Spektrum an Frauenfiguren zu Wort kommt. Mit Amani, einer sehr engagierten linken und feministisch motivierten Aktivistin, und gleichzeitig auch mit einer Muslimschwester zu drehen war nur deshalb möglich, weil ich von beiden Seiten als neutral wahrgenommen wurde. Wir hatten immer wieder Leute aus Ägypten im Team, sei es als Dolmetscher, sei es für den Ton. Es gab immer wieder Schwierigkeiten, weil sich Mitarbeiter von uns in politische Diskussionen verstrickt haben. Ich konnte das gut verstehen. Wenn nach jahrelanger politischer Apathie alles hochkommt, hat jeder zu allem eine Meinung und mit der kann man dann nicht hinterm Berg halten, nur weil man gerade „nur“ der Dolmetscher ist. Da muss man einfach diskutieren.

Wie ist der Prozess des Filmens in Gang gekommen? Ich nehme an, die Bereitschaft sich filmen zulassen, konnte für die Protagonistinnen auch Konsequenzen nach sich ziehen.

Alexandra Schneider: Wir waren als kleines aus 2-3 Leuten bestehendem Team unterwegs. Meine Gesprächspartnerinnen stimmten am Anfang zu, gefilmt zu werden. Ich glaube nicht, dass es ihnen zu diesem Zeitpunkt bewusst war, dass wir so hartnäckig an der Sache dranbleiben und über zwei Jahre hinweg immer wieder auftauchen würden. Die Umstände änderten sich noch einmal grundlegend, als ich 2012 für mehrere Monate dort lebte. Die Frauen merkten, dass auch ich bereit war, schwierige Bedingungen und Risiken in Kauf zu nehmen, daher wurde unser Verhältnis zueinander auch sehr persönlich. Fatema, Amani und May lernten wir bereits im Juni 2011 kennen. Im ersten Drehblock im November 2011 haben wir versucht, unverfänglichen Alltag einzufangen, aber es ergaben sich bald heiklere Situationen und es entstand sehr schnell eine große Nähe.

Führten Sie in einer ersten Phase mit viel mehr Frauen Gespräche?

Alexandra Schneider: Nein. Ich versuchte bis Ende der Dreharbeiten mit fünf Frauen zu filmen. Bei der fünften wurde aber bereits während der Dreharbeiten klar, dass wir zuwenig Material haben würden. Im November bin ich dann noch Sharbat begegnet und damit war klar, dass ich keine weiteren Protagonistinnen brauchen würde. Drehen selbst bedeutete ständig, den Versuch zu unternehmen, etwas zu planen, was eigentlich nicht planbar ist. Nicht nur aufgrund der Revolution. Im Organisieren trifft man auf große kulturelle Unterschiede. Wenn man sich aber auf diese Unordnung einlässt, dann passiert in Ägypten wiederum viel. Gerade in dieser Umbruchzeit. Außer für die Innenräume der Wahllokale hatten wir nie eine offizielle Drehgenehmigung. Wir haben immer Möglichkeiten gefunden, trotzdem zu filmen.

Wie fühlt man sich mit einer Kamera in der Hand im öffentlichen Raum. Ist man ein Filmteam von vielen oder gilt es immer, mit Vorsicht zu agieren?

Alexandra Schneider: Man fällt schon auf. Wenn ich nach dem größten Unterschied zwischen Ägypten und Österreich gefragt werde, dann sage ich: Wenn zwei wildfremde Leute gemeinsam auf einen Bus warten, dann braucht es in Österreich einen guten Grund, dass sie ins Gespräch kommen. In Ägypten braucht es einen guten Grund, dass sie nicht ins Gespräch kommen. Es ist eine Kultur, wo man sofort angesprochen wird, mit Kamera erst recht. Das war sehr oft positiv, konnte aber auch ins Gegenteil kippen, da es ja auch von staatlicher Seite Kampagnen gegen ausländische Journalisten gab. Wir waren auch mit sehr viel Misstrauen und Unterstellungen konfrontiert. Die Kamera hat immer Reaktionen ausgelöst. Der Umstand, dass wir ein rein weibliches, westliches Team waren, spielte gewiss auch eine Rolle. Es konnte auch wieder Vorteile haben, denn in dieser patriarchalischen Gesellschaft wurden wir manchmal nicht sehr ernst genommen und die Kamera diente als Vorwand, dass man uns angequatschte. Das ermöglichte uns oft, viel zu filmen.

Gab es Situationen, wo es wirklich haarig wurde?

Alexandra Schneider: Ja, wir gerieten schon in sehr gefährliche Situationen. Das Filmen mit Sharbat war grundsätzlich nicht so einfach, auch deshalb, weil sie ein so explosiver Charakter ist, viel demonstriert und nicht gerade deeskalierend agiert. In ihrem Viertel wird sie sehr dafür angefeindet, dass sie gegen den Widerstand ihres Mannes so aktiv ist. Es ist ein armes Viertel, wo sich die Leute auch ein wenig bloßgestellt fühlen, darum war es besonders schwierig. Da die Wohnungen extrem klein sind, wird die Straße zum vergrößerten Wohnzimmer, die Polizei fühlt sich für diese Viertel nicht zuständig, man regelt dort alles unter sich. Wenn die Menschen dort den Dreharbeiten nicht zustimmen, dann bekommt man schnell Probleme. Einmal ist es so eskaliert, dass sich, während wir in Sharbats Wohnung waren, ein Mob von hundert bewaffneten Leuten unten versammelte und die Auslieferung der Spione verlangte. Die Nachbarin heizte alles noch an, indem sie vom Balkon rief, dass wir ihre Ehre als Muslima beleidigt hätten. Da kamen wir nur raus, weil der Bruder eines Mitarbeiters bei der Polizei war und Druck machen konnte, dass Ausländerinnen in Gefahr seien. Die Polizei ist gekommen und hat uns mit Müh und Not noch rausgebracht. Das Auto des Fahrers, der uns hingebracht hatte, wurde komplett demoliert. Da hatten wir schon Angst. Man muss als Europäer erst lernen zu verstehen, dass diese Gesellschaft gelernt hat, null auf die Polizei zu vertrauen. Je weiter unten die Menschen in der Gesellschaft sind, umso mehr werden sie von der Polizei für unangenehme Aufträge missbraucht. Daher muss man sich im Vorfeld wichtige Fürsprecher organisieren, um filmen zu können. Das war ein Lernprozess.

Wie kann man die vier Frauen kurz charakterisieren?

Alexandra Schneider: Altersmäßig waren sie während der Dreharbeiten zwischen 25 und 40. Sharbat hat einen unglaublichen Gerechtigkeitssinn und träumt von einer gerechteren Gesellschaft, vor allem im Bewusstsein der Chancenlosigkeit ihrer drei Söhne. Amani ist jetzt 30 Sie hat sich mit Leib und Seele der individuellen Freiheit von Frauen verschrieben . Sie will, dass das enge Korsett, in dem sich Frauen unter der Forderung der Sittlichkeit bewegen müssen, weiter wird. Sie kämpft auch grundsätzlich für mehr individuelle Freiheit, sie hat ja u.a. auch ein Buch über die Schwulen-Szene herausgebracht. Fatema ist ein sehr eindrückliches Beispiel für jemanden, die an ein höheres Ziel glaubt und sich auch unterordnet. Es ist allein schon beeindruckend zu beobachten, mit welcher Disziplin sie ihr Doktoratstudium, drei kleine Kinder und den Haushalt unter einen Hut bringt und auch politisch aktiv ist. Zur Zeit tut sie das höchstens im Untergrund. Sie glaubt an eine islamische Gesellschaft.

Wie sieht ihr Bild von einer besseren Gesellschaft aus?

Alexandra Schneider: Sie sieht eine Verbesserung der Gesellschaft in einer Gesellschaft, die sich klar nach islamischen Werten richtet. Ich würde sie aber in keiner Weise als radikalen Menschen einschätzen. Sie ist Teil einer Organisation, die absoluten Gehorsam fordert und sie hinterfragt das auch nicht oder blockt diese Fragen jedenfalls ab. May ist jemand, die gespürt hat, dass eine junge Generation, die losgelöst von ihren Wurzeln und Traditionen lebt, immer oberflächlicher wird. Sie hat einen absoluten Upper-Class-Hintergrund, war in den USA, hat als Bankerin gearbeitet und in Dubai viel verdient. Sie hat sich entschieden, das aufzugeben, nach Assuan zurückzugehen, dort für eine Modernisierung der starren Strukturen zu kämpfen und sich gleichzeitig für die Erhaltung kultureller Elemente, die in Vergessenheit geraten, einzusetzen. Zum Beispiel die nubische Sprache. Alle vier Frauen kämpfen für verschiedene Formen der Veränderung sowie mehr Freiheit und Gerechtigkeit, jede hat einen anderen Fokus.

Es ist also mehr als der starke ökonomische Leidensdruck, der die Frauen zum Handeln motiviert?

Alexandra Schneider: Es geht weit darüber hinaus. Der ökonomische Leidensdruck kommt bei Sharbat zum Tragen, die anderen kommen aus einer Schicht, wo ökonomische Sorgen nicht im Vordergrund stehen, wenngleich sie dennoch für die Verbesserung der Situation von anderen kämpfen. May verfolgt ganz klar das Ziel, die finanzielle Situation der Nubier im Süden zu verbessern und viel Veränderung über die ökonomische Ebene herbeizuführen. Als Bankerin hat sie da eine sehr pragmatische und wenig ideologische Herangehensweise. Bei Sharbat ist der Druck ein ökonomischer. Unter Nassers Diktatur gab es immerhin Bemühungen für Bildungs- und Sozialstrukturen, unter Sadat und vor allem 30 Jahren Mubarak hat sich ein gnadenloser Neoliberalismus durchgesetzt. Jetzt ist alles total ausgehöhlt. Sharbat hat eine viel bessere Schulbildung als ihre Kinder. Sie kann es sich nicht leisten, ihre Kinder in Privatschulen zu schicken und das öffentliche Schulsystem ist total marode. Lehrer verdienen so wenig, dass sie nebenher als Privatlehrer arbeiten und dann in überfüllten Klassen im Unterricht einschlafen. Sie sagt berechtigterweise – diejenigen, die heute noch mit der Hand im Mund über die Runden kommen, werden morgen verhungern. Von 80 Mio Menschen in Ägypten leben 40 Mio unter der Armutsgrenze.

Wie haben sich die Themen und Drehorte ergeben?

Alexandra Schneider: Durch den Alltag der Frauen. Da habe ich nicht sehr steuernd agiert, bis auf die politischen Aspekte, vor allem die Wahlen, die als Aufhänger dienen sollten, auch wenn ich keinen rein politischen Fokus setzen wollte. Ich versuchte – das vor allem auch im Schnitt (wir hatten ja 260 Stunden Material) – ihre Lebenswelten widerzuspiegeln. Mit May bin ich regelmäßig von Kairo nach Assuan gependelt, zum Schluss hat sie dann schon dort gelebt. Hat sich das ursprüngliche Konzept für den Film durch die politischen Umstürze in Ägypten wandeln müssen?

Ist das Projekt länger geworden als ursprünglich geplant?

Alexandra Schneider: Ich hatte mir vorgenommen, über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Ein Jahr galt für mich als das Minimum. Dass es fast zwei Jahre wurden, hat sich ergeben. Es stand von Beginn an fest, dass ich durch einen längeren Beobachtungszeitraum einen besseren Einblick bekommen möchte. Die Stimmung hat sich dermaßen gewandelt, dass es sich als notwendig herausstellte, über längere Zeit präsent zu sein. Im Juni 2011 war alles euphorisch. Im Oktober/November gab es die ersten heftigen Straßenschlachten, wo es an die 100 Tote gab. Da ist erstmals die Stimmung in der Bevölkerung deutlich gekippt. Es wurde den Leuten bewusst, dass Mubarak nur eine Marionette gewesen war und dass es das Militärsystem dahinter 60 Jahre lang geschafft hat, sich als die Beschützer des Volkes und Garant für Stabilität darzustellen. Dieses Bild hat ganz mühsam bröckeln müssen. Wenn es in diesem Land eine nachhaltige Veränderung geben soll, dann ist sie nur möglich, wenn es gelingt, die Macht des Militärs drastisch einzuschränken. Der Stimmungswandel zwischen Juni und November 2011 war so deutlich und es war klar, dass es hier noch Höhen und Tiefen geben würde. Ein kurzer Zeitraum wäre nicht aussagekräftig gewesen.

Zwei der Frauen sind Mütter, interessanterweise nur von Söhnen. Sharbat bringt die Zerrissenheit der Mütter vielleicht am deutlichsten auf den Punkt. Es geht ihr darum, bei den Kindern Bewusstsein für die Untragbarkeit der politischen Verhältnisse zu erwecken, andererseits bringt sie sie auch in Gefahr. Hier ist eine Mischung aus Kampfgeist, Verzweiflung und etwas verquerem Stolz zu spüren.

Alexandra Schneider: Als Europäer stößt man an seine Grenzen der Toleranz, wenn eine Art Märtyrer-Fatalismus an den Tag gelegt wird. Da ist mir ein bisschen zu viel „Gottes Wille“ im Spiel. Umgekehrt verdeutlicht es den Widerspruch in ihr. Denn wäre sie allzu gläubig, dann wäre sie nicht eine so vehemente Aktivistin. Bei Sharbat ist im Grunde eine große Verzweiflung die Triebfeder. Sie hat praktisch keine Wahl. Sie könnte auch sagen „Das Leben meiner Kinder ist mir heilig, ich gehe nicht auf die Straße“. In ihrer Familie hatte sie keinerlei Unterstützung und niemand hätte auf die Kinder aufgepasst, also stand sie vor der Entscheidung, sich am Protest zu beteiligen oder es gar nicht zu tun.

PRIVATE REVOLUTIONS ist auch ein Film über Revolution per se. Es dokumentiert den unanwendbaren Verlauf von der Euphorie des Umbruchs und Aufbruchs in eine Phase der Ermüdung / Enttäuschung / Demoralisierung. Es wird deutlich, wie sehr gesellschaftliche Veränderung nur ein dauerhafter Prozess sein kann, zu dem man nur seinen Teil beitragen kann, ohne vielleicht die Früchte zu ernten.

Alexandra Schneider: So ist es. Die Revolution frisst ganz unweigerlich ihre Kinder. Die für die Veränderung kämpfen sind nicht unbedingt jene, die davon unmittelbar profitieren. Es hat mich immer wieder geärgert, wenn ich in Europa auf Podien saß und gefragt wurde „Ist die Revolution in Ägypten nun gescheitert?“ Eine ganze Gesellschaft kann sich nicht innerhalb eines Jahres verändern. Nach dem Sturz von Mursi haben sehr viele Menschen wieder dem Militär zugejubelt, das war sehr ernüchternd für mich. Ich bin aber dennoch überzeugt, dass die Energie, die da losgetreten wurde, nicht mehr rückgängig zu machen ist. Man spürt es in vielen Bereichen, dass die Leute die Erfahrung gemacht haben, dass sie eine Meinung haben können und dass es wichtig ist zu diskutieren. Ich glaube nicht, dass sich die Generation der Jugendlichen so wie ihre Eltern dreißig Jahre lang mit Ausreden wird abspeisen lassen, wenn sich wirtschaftlich nicht grundlegend etwas ändert. Und das kann nur gehen, wenn sich in der Korruption etwas verändert.

Dem euphorischen Arbeitstitel Jung, weiblich, ägyptisch steht nun ein PRIVATE REVOLUTIONS voran, das auch die Erkenntnis transportiert, nämlich dass Veränderung nur im Kleinen beginnen kann.

Alexandra Schneider: PRIVATE REVOLUTIONS ist für mich ein sehr stimmiger Titel, weil es da beginnt und da auch noch steckt. Die Revolution war schon auf der Straße. Jetzt ist der Prozess wieder in einer Phase, wo es wieder mehr im Privaten weiterbrodeln muss, damit sich mehr verändert. Das Wort „private“ macht die Sache nicht kleiner, die nachhaltige Veränderung einer Gesellschaft kann nur im Privaten ihren Ausgang nehmen. Die Frauen sind in dieser Gesellschaft die Stärkeren. Sie haben wesentlich weniger Rechte, auch wenn es sich nicht so drastisch auswirkt, wie man sich das bei uns gerne vorstellt. Sie haben auf alle Fälle weniger Möglichkeiten und Freiheiten. „Ihr guter Ruf“ ist ein großes Thema. Dennoch sind sie die Stärkeren. Die Männer haben sehr schnell enttäuscht und fast persönlich gekränkt reagiert, weil die Revolution nicht geklappt hat. Die Frauen haben viel besser gelernt, mit Rückschlägen umzugehen und an der Sache dranzubleiben. Ich glaube, diese Gesellschaft wird sich auch durch die junge Generation, aber vor allem durch ihre Frauen verändern. Die Frauen sind der Motor der Revolution.

Interview: Karin Schiefer

Juli 2014

„Der Standard“ – Österreich

Mit Atemschutzmaske und Schere für die Revolution in Ägypten

Dorian Waller
11.02.2015

Die Österreicherin Alexandra Schneider hat vier Ägypterinnen porträtiert

In ihrer Kairoer Wohnung sitzend zeigt Sharbat Abdullah, was sie in ihrer Handtasche dabeihat. Eine Atemschutzmaske gegen Tränengas oder eine Schere, um sich gegen männliche Übergriffe zur Wehr zu setzen. Sharbat lacht, mehr vergnügt als verlegen. Ein paar Tränengasbomben hat sie als Souvenirs nach Hause mitgenommen, sie erinnern an eingedrückte Energydrink-Dosen. Ihren Jüngsten warnt sie, nicht dran zu riechen – so wie sie ihn vorher ermahnt hat, die Katze nicht vor Liebe zu erdrücken.

Sharbat, die mit ihren Kindern regelmäßig auf den Tahrir-Platz zieht, ist eine von vier Protagonistinnen, die Alexandra Schneider für ihren sehenswerten Dokumentarfilm Private Revolutions – Jung, Weiblich, Ägyptisch fast zwei Jahre lang begleitete. Es ist die Zeit der Präsidentschaftswahlen von 2012 und der Amtszeit von Mohammed Morsi. Sharbat, die die Ideale der Revolution gefährdet sieht, wirbt lautstark für einen Boykott der Wahlen. Mit ihrer konfrontationsfreudigen Art hat sie den Großteil der Nachbarschaft gegen sich, ihren Ehemann ebenso („Er sagt: ‚Nimm die Kinder mit. Wenn du stirbst, sterbt ihr alle zusammen. Dann hab ich meine Ruhe.'“). Doch die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder lässt sie immer wieder auf die Straße gehen.

Familie, Gott und Politik

Familie ist – neben Gott – auch für Fatema Abouzeid das wichtigste Schlagwort. Als Mitbegründerin der politischen Partei der Muslimbrüder, Mutter dreier Kinder und Studentin ist ihr Tagesablauf genau durchgeplant. Beim Betrachten von Fotos aus den Sechzigern ist sie erstaunt, wie weni- ge Uniabsolventinnen damals mit Schleier posierten. Mit dem Wahlsieg der Muslimbrüder endet ihre Zusammenarbeit mit dem Filmteam abrupt. Das ist umso bedauerlicher, als eine der Stärken von Private Revolutions darin besteht, unterschiedlichen Positionen Raum zu geben und so nicht nur von vier starken Persönlichkeiten, sondern einem Land zu erzählen.

Um das Abbrechen des Kontakts zu konstatieren, tritt Schneider selbst vor die Kamera. Auch an anderen Stellen ist die Filmemacherin nicht bloß Beobachterin. So zieht die kleine Crew Unmut auf sich, weil Menschen der Medienberichterstattung immer argwöhnischer gegenüberstehen und Sharbat heftig attackieren. An anderer Stelle fasst die Filmemacherin tröstend nach Amani Eltunsis Arm, als diese vor den Trümmern ihrer Existenz zu stehen meint.

Amani betreibt einen Internetradiosender für Frauen und gibt als Verlegerin unter anderem Homosexuellen und geschiedenen Frauen eine Stimme. Unter der Präsidentschaft Morsis sieht sie sich zunehmend verfolgt – bis sie eines Tages in ihrem ausgebrannten Verlagsbüro steht.

Den Einsatz gegen alle Widerstände hat Amani auch mit der Nubierin May Gah Allah gemeinsam. Die Tochter einer wohlhabenden Familie gibt mit 25 ihre Karriere im Finanzsektor auf, um in Nubien ein Bildungszentrum für Angehörige ihrer Volksgruppe zu errichten. Hindernisse gibt es viele, besonders beschäftigt May jedoch, dass sie im Gegensatz zu ihren Altersgenossinnen noch unverheiratet ist.

Der Titel von Private Revolutions könnte nicht besser gewählt sein, zeigt der Film doch, wie die gesellschaftspolitischen Bemühungen seiner Protagonistinnen stets mit dem Privaten in Wechselwirkung stehen. Zeiten des Umbruchs bedingen auch privat große Umwälzungen. Dies gilt freilich noch über die Zeit des Drehs hinaus: Vor dem Abspann erfährt man, dass Sharbat inzwischen von ihrem Mann geschieden ist. Er weigert sich jedoch noch, aus der ihr zugesprochenen Wohnung auszuziehen. (Dorian Waller, DER STANDARD, 11.2.2015)

Radiomacherin Eltunsi: „Ich habe Freiheit und Demokratie erwartet“

Interview | Jasmin Al-Kattib
20. Dezember 2012

Amani Eltunsi ist eine der Protagonistinnen in dem österreichischen Dokumentarfilm „Jung, weiblich, ägyptisch“, der 2013 fertiggestellt wird. Darin porträtiert Filmemacherin Alexandra Schneider fünf junge Ägypterinnen mit unterschiedlichsten sozialen Hintergründen im ersten Jahr der Revolution.

 

Die ägyptische Radiomacherin und Verlegerin Amani Eltunsi setzt sich für Rechte arabischer Frauen ein

Seit 2008 betreibt die  29-jährige Amani Eltunsi die „Girls Only Radio Station“ (arabisch: „Banat wa bas“), einen Online-Radiosender für Frauen. In ihren Sendungen spricht sie über Themen, die in anderen Medien vernachlässigt werden. Vor allem sind es kritische Beiträge über das Thema Gleichberechtigung von Frauen in der arabischen Welt.

Anfang Dezember erhielt Amani Eltunsi im Rahmen des Filmfestivals „This Human World“ in Wien den Menschenrechtspreis der Österreichischen Liga für Menschenrechte. Im daStandard.at-Interview erklärt sie, warum das Wort „Revolution“ in Ägypten für sie bereits überholt ist, und erzählt über die von ihr initiierten Projekte, die für die Rechte der arabischen Frauen kämpfen.

daStandard.at: Wie haben Sie die Zeit seit der Revolution in Ägypten erlebt?

Eltunsi: Die letzten zwei Jahre waren die schlimmsten meines Lebens. Ich habe mir Freiheit und Demokratie erwartet, und alles kam ganz anders. Am Internationalen Frauentag im März 2011 wurden Frauen auf dem Tahrir-Platz angegriffen und bedroht. Irgendwie war das gesamte Umfeld auf einmal ein ganz anderes als das während der Revolution, und das nicht einmal einen Monat später. Das hat mich sehr deprimiert.

daStandard.at: Was denken Sie über die aktuellen politischen Entwicklungen?

Eltunsi: Ich habe Angst und Hoffnung zugleich. Meine Angst ist, dass der Präsident der Muslimbrüder an der Macht bleibt und der Verfassung zugestimmt wird. Das wird ein einziges Chaos werden, das Ende der Demokratie und das Ende von allem, wovon wir geträumt haben – das Ende der Revolution. Eine Revolution bedeutet Errungenschaften und Erfolge, meiner Ansicht nach gibt es momentan aber keine Erfolge, also auch keine Revolution mehr.

daStandard.at: Sie haben während der Monate der Revolution Ihr erstes Buch geschrieben.

Eltunsi: Ja, ich habe Tag für Tag geschrieben, es war mein Tagebuch. Und ich habe es jeden Tag, an dem ich zum Tahrir-Platz gegangen bin, beim Portier meines Hauses gelassen, damit es nicht verloren geht, falls ich nicht mehr zurückkomme. Ich habe darin zusammengefasst, was ich mir für mein Land wünsche, es heißt „A Girl’s Wishes from Tahrir Square“. Der Titel passt gut, weil mein Vorname Amani übersetzt „wishes“ heißt. Das Buch ist auf Arabisch und Englisch erschienen.

daStandard.at: In Ihrem eigenen Verlag Shabab Books?

Eltunsi: Ja, ich bin auch Verlegerin. Ich veröffentliche Bücher von jungen Autoren und Autorinnen, die über gesellschaftliche Tabuthemen schreiben. Seit 2009 haben wir rund 40 Bücher veröffentlicht, also schon mehr als 40.000 Exemplare, weil wir pro Auflage 1.000 Stück drucken. Die meisten davon gibt es aber bereits in der zweiten oder dritten Auflage. Von mir selbst sind auch schon zwei Bücher erschienen, das über den Tahrir-Platz und ein anderes über geschiedene Frauen in Ägypten. Mein drittes Buch wird gerade gedruckt und ist ein Buch über mich.

daStandard.at: War es einfach, Buchläden zu finden, die Ihre Bücher verkaufen?

Eltunsi: Im ersten Buch meines Verlags ging es um Homosexualität in Ägypten. Ich hatte noch keine Erfahrung mit dem Verlegen und dem Buchmarkt, es war also wirklich ein Risiko. Die Buchläden haben es zurückgewiesen, weil es ein Tabuthema behandelte. Ich habe 5.000 Stück drucken lassen und daraufhin auf meiner Website verlautbart, dass man das Buch unter meiner Telefonnummer bestellen kann. Dann habe ich jedes Buch selbst ausgeliefert, wie eine Pizzalieferantin. (lacht) Es war schnell ausverkauft. Danach haben sich einige Buchläden bei mir gemeldet und gefragt, ob es noch Exemplare gibt.

daStandard.at: Vor Ihrem Engagement als Verlegerin machten Sie sich bereits als Radiomacherin mit dem Online-Radiosender „Girls Only Radio Station“ einen Namen in der jungen arabischen Welt. Wie viele Menschen hören mittlerweile Ihren Sender?

Eltunsi: Da es eine Online-Radiostation ist, weiß ich, wie viele Subscriber ich habe. Bis jetzt sind es fünf Millionen.

daStandard.at: War „Girls Only“ während der letzten zwei Jahre immer online?

Eltunsi: Nein, ich sende immer dann, wenn ich Geld habe, und wenn ich keines habe, eben nicht. Das Streamen kostet jeden Monat sehr viel, weil wir fünf Millionen Subscriber haben und daher eine unlimitierte Bandbreite brauchen. Und das ist nicht billig. Aber ich versuche natürlich, so oft wie möglich online zu sein.

daStandard.at: Als sie 2008 mit dem Radiomachen begannen, bekamen Sie die Anweisung des Nationalen Sicherheitsrats, nicht über Politik und Religion zu sprechen. Also mussten Sie Ihre Beiträge sehr vorsichtig gestalten. Wie sieht die Situation heute aus, können Sie offener über Themen sprechen?

Eltunsi: Ich habe auch jetzt wieder Anordnungen bekommen – ich soll nichts gegen die Muslimbrüder sagen. Das kam aber nicht von offizieller Seite, deshalb höre ich das einfach nicht. Momentan sprechen wir über alles, ich kritisiere auch das Regime.

Mein Ziel ist es nicht, nur Radio zu machen und Hörerinnen zu haben, die meine Sendungen gut finden. Ich möchte, dass unsere Gesellschaft und viele Gesetze verändert werden. Ich möchte, dass Mädchen und Frauen vor Angriffen geschützt werden und ihre Rechte Eingang in die Politik finden. Darum bin ich – und viele andere – sehr aktiv. Zum Beispiel auch beim Thema weibliche Genitalverstümmelung. Ich habe das selbst als Kind erlebt, die Beschneidung ist noch immer eine Tradition – eine unmenschliche Tradition. Wir haben 10.000 Unterschriften von Personen gesammelt, die sie ablehnen, und brachten das Thema auch ins Parlament.

daStandard.at: Für Ihre Arbeit als Sprachrohr von Frauen in Ägypten haben Sie letztes Jahr den deutschen Young Leaders Award gewonnen. Jetzt wurden Sie auch mit dem Menschenrechtspreis der Österreichischen Liga für Menschenrechte ausgezeichnet. Berichten ägyptische Medien über Ihre Arbeit?

Eltunsi: Ja, das tun sie. Ich bin oft in den ägyptischen Medien, auch im Fernsehen. Die Tageszeitungen folgen meinen Aktivitäten, wir geben ihnen neue Inhalte. Wir arbeiten sehr partnerschaftlich mit den Medien zusammen, und sie respektieren unsere Arbeit. Die Medien ignorieren mich und die Dinge, die wir tun, nicht – das tut nur die Regierung.

daStandard.at: Sie setzen sich also gleich an mehreren Fronten für die Frauenrechte ein.

Eltunsi: Ich habe auch noch ein weiteres Projekt ins Leben gerufen, das „U-Turn“ heißt. Dabei geht es um die Rehabilitation von Frauen, die drogensüchtig sind, vergewaltigt wurden oder nach einer Scheidung nicht mehr weiterwissen. Ich habe mich mit Ärzten in Kairo zusammengeschlossen, und wir haben einen Ort geschaffen, an dem diesen Frauen geholfen werden kann. Jedes Mädchen, jede Frau kann sich bei uns melden, und wir helfen ihr, ganz egal welches Problem sie hat. Und wenn wir selbst nichts tun können, schicken wir sie zu einer anderen Organisation weiter.

daStandard.at: Haben Sie eine Vision für Ihr Land und die jungen Frauen in Ägypten?

Eltunsi: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich bin nicht sehr optimistisch. Die wirtschaftliche Situation in Ägypten wird schlechter und schlechter, weil weniger Touristen kommen, wir verlieren jeden Tag viel Geld an der Börse, die Muslimbrüder stärken ihre Macht mit  Darlehen von der internationalen Banken, obwohl sie sehr reich sind. Sie geben nicht, sie wollen nehmen.

Ich habe keine Erwartungen, aber ich habe Wünsche. Ich wünsche mir, dass die Verfassung gestoppt wird und die Muslimbrüder dorthin zurückgehen, wo sie hingehören, nämlich ins Gefängnis. Ich wünsche mir, dass Frauen in unserer Gesellschaft gleichberechtigt sind und es ein Familienrecht gibt, das Frauen vor Angriffen und Vergewaltigung schützt. Ich möchte als Frau frei durch die Straßen gehen können, ohne belästigt zu werden. Ich wünsche mir, mich sicher zu fühlen in meinem eigenen Land, das ich sehr liebe. (Jasmin Al-Kattib, daStandard.at, 20.12.2012)

„Kronenzeitung“ – Österreich

10.03.2015

„Mokant“

17.02.2015
Ein Film erzählt von der Zeit nach der Revolution in Ägypten. Im Mittelpunkt steht die neue ägyptische Generation – Opfer und Heldinnen

Regisseurin Alexandra Schneider erzählt  von ihrer Arbeit in Ägypten und ihrem neuen Dokumentarfilm „Private Revolutions“, der derzeit in den österreichischen Kinos zu sehen ist. Im Film begleitet sie eine Bankerin, die ihre Karriere für ihren Traum aufgibt, eine Muslimschwester, die für die Kampagne Mursis arbeitet und zwei weitere Revolutionärinnen. Ein Gast-Interview von Nermin Ismail.

Nermin Ismail: Der Film fängt mit den Parlamentswahlen 2011 an. Wie lange haben Sie für den Film in Ägypten gedreht?
Alexandra Schneider:
Wir waren das erste Mal im Juni 2011 dort. Der offizielle Drehbeginn war im November 2011. Da waren wir sechs Wochen unten für die Parlamentswahlen. Dann war ich 2012 in Summe neun Monate unten. Das letzte Mal gedreht haben wir im Februar 2013.

Nermin Ismail: Wer sind diese Frauen, die im Film begleitet werden?
Alexandra Schneider:
Amani ist eine sehr außergewöhnliche Frau, die Medienwissenschaften studiert hat. Eine Radiomacherin und Revolutionärin. Sie will einen Diskurs über Frauenrechte starten, nicht in der intellektuell gebildeten Oberschicht, sondern mit jungen Frauen aus allen Schichten. Sie kämpft darum, dass soziale Themen aufgegriffen werden; von Heirat um jeden Preis, das Problem der Scheidung über sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit.

Sharbat ist eine Aktivistin, die auf der Straße politisch aktiv ist. Jemand, der unmittelbar durch Demonstrationen versucht etwas zu ändern. Trotz Widerstand der ganzen Nachbarschaft und der Familie. Sie kommt aus einer unteren Schicht und lebt knapp über den Existenzminimum. Sie ist jemand, der sehr unmittelbar für Dinge kämpft, die sehr viele Ägypter betreffen.

Fatema kommt aus einer reichen Familie. Hat gerade ihr PHD in Politik absolviert. Gleichzeitig ist sie dreifache Mutter und bei den Muslimbrüdern sehr engagiert, in durchaus wichtigen Positionen. Sie versucht ihre berufliche Karriere und ihr Engagement mit ihren Verpflichtungen als Ehefrau und Mutter unter den Hut zu bringen.

Mey kommt aus einer wohlhabenden Bankerfamilie. Sie ist Nubierin, das ist eine Minderheit aus dem Süden. Mey hängt eine sehr erfolgversprechende Bankerkarriere an den Nagel, weil sie in der Region ihrer Eltern rund um Aswan regionale Entwicklungsprojekte aufbauen möchte. Sie will die kulturelle Identität stärken und aus Nuba eine attraktivere Gegend machen.

Nermin Ismail: Wie waren die Dreharbeiten in Ägypten? Im Film kommt auch vor, dass sich Menschen über Ihr Auftreten in ihrer Gegend beschweren. Gab es viele Schwierigkeiten als österreichische Filmemacherin dort zu arbeiten?
Alexandra Schneider: Dass sich grundsätzlich die Stimmung verändert hat, haben wir gespürt. Von dieser große Euphorie und Hoffnung Anfang 2011 kippt es dann zunehmend in Frustration und Ernüchterung. Es war auch für viele schockierend, dass das erste Mal von allen Oppositionsbewegungen sich die Muslimbruderschaft durchsetzen konnte und alle anderen linksliberalen oder revolutionären Gruppen kaum über ihre eigenen Zirkel hinaus bekannt geworden sind. Mit Mubarak war noch nicht die Spitze des Eisberges erreicht. Politischen Aktivisten war das bewusst, dass das Militär kein Freund des Volkes ist, aber vielen Ägyptern war das nicht bewusst und wie viele Personen in Machtpositionen da verwickelt sind. Auch wie schwer das wird, das hätte niemand erwartet. Es gab ja einfach Befehle auf Demonstranten zu schießen. Mit dieser Umbruchssituation hat sich die Gesellschaft immer mehr aufgesplittert. Die einen meinten, man muss sich mehr einsetzen für eine Veränderung und die anderen, die meinten vorher war alles nicht so schlimm und wollten zurück zur Normalität. Aus heutiger Sicht find ich es einen ganz normalen Diskurs, dass der Prozess einer Demokratisierung über Jahrzehnte dauert, aber natürlich ist das im Moment wahnsinnig frustrierend. Das ist aber gezielt geschürt worden. Das ist die Lieblingsstrategie der Regierung, dass das böse Ausland geheimnisvolle Sabotageakte plant und das edle ägyptische Volk unterwandert. Gerade in der Zeit unserer Dreharbeiten gab es einige so Kampagnen gegen ausländische Journalisten, die haben gefruchtet, weil sie dazu beigetragen haben, dass das Bild derer, die offensichtlich keine Ägypter sind und mit einer großen Kamera unterwegs sind, ein sehr negatives war.

Nermin Ismail: Wie haben die Menschen sonst auf euch reagiert?
Alexandra Schneider:
Prinzipiell waren die Leute wahnsinnig liebenswürdig und offen. Auch zu meinen Protagonistinnen habe ich eine ganz enge Beziehung entwickelt. Sonst waren die Leute auch sehr interessiert und neugierig. Ich finde es als Europäerin sehr beeindruckend, wie sehr es diese Kultur der Gastfreundschaft gibt, die es bei uns ja überhaupt nicht gibt. Natürlich gab es dann bei angespannten Situationen wie bei der Präsidentschaftswahl, nachdem die ganzen liberalen und linken nicht mehr weiterkamen und es zu der Stichwahl zwischen Mursi und Shafik kam. Wo viele den Eindruck hatten, jetzt können sie zwischen Pest und Cholera auswählen. In dem Viertel, wo Sharbat wohnt, wo sie gewohnt sind alles selbst in die Hand zu nehmen, weil die Polizei da gar nicht reinkommt, kam es zu Schwierigkeiten. Bei Demonstrationen war es so, dass auf Demonstrationen losgegangen wurde wie auf uns. Da gab es auch sicher bezahlte Baltageya (Schlägertypen), die extra darauf angesetzt waren, Stress zu machen.

Nermin Ismail: Eine Protagonistin hat sich dann vom Filmprojekt verabschiedet, warum eigentlich?
Alexandra Schneider:
Bei den Muslimenbrüdern, denke ich ist es so, dass die erste Phase der Drehzeit in die Phase hineingefallen ist, als sie großes Interesse hatten, sich der Welt als neue Partei zu positionieren und sich als modern und gemäßigt zu präsentieren, ab dem Moment wo sie die Wahl gewonnen hatten und die absolute Mehrheit im Parlament hatten, gab es für sie keinen Grund mehr sich nach außen zu öffnen. Sie sind dann zurückgekehrt zu diesem alten Verhalten, dass man niemand außerhalb der eigenen Reihen traut.

Das haben wir beim Filmen mit Fatema gespürt. Ich glaube nicht, dass es ihre persönliche Entscheidung war, nicht mehr mitzumachen, sondern dass das eine Ansage von oben war, das hat sie mir so auch kommuniziert. Sie hatte nicht mehr viel Spielraum.

Nermin Ismail: Wie war es vor allem als Europäerin in dieser Welt einzutauchen?
Alexandra Schneider:
Ich hatte Bedenken, dass ich als Ausländerin einen Film über die ägyptische Revolution mache. Ich war anfangs unsicher, ob das funktioniert und ob das nicht total vermessen ist, noch dazu, da ich die Sprache nicht kann. Es hat sich gezeigt, dass es ein Vorteil war, weil so unterschiedlich die Frauen waren, haben die sich auf mich eingelassen und mir vertraut, weil ich als Neutrale wahrgenommen wurde. Eine Ägypterin, hätte nicht mit einer Muslimschwester und einer Gegnerin der Muslimbrüder gedreht, weil man erwartet hätte, dass sie eine Position hat. Das hat man gemerkt. Wenn ägyptische Teammitglieder dabei waren, haben die sich immer in Diskussionen verstrickt sei es mit Sharbat oder mit Fatema. Manche waren einfach total frostig. Bei Männern besonders, weil sie es nicht gewohnt sind, im Hintergrund zuzuhören und die anderen reden zu lassen. So ein beobachtender Dokumentarfilm ist auch nicht wirklich sehr etabliert in Ägypten, einfach dabei zu sein und möglichst unauffällig zu sein.

Nermin Ismail: Welche Phasen des arabischen Frühlings haben Sie mit der Kamera begleitet?
Alexandra Schneider:
Anfang 2011 war eine Phase der Euphorie. Bei der Parlamentswahl gab es dann schlimme Zusammenstöße auf der Mohamed Mahmoud-Straße. Eine große Ernüchterung ist dann eingetreten, da das Militär auf einmal dann auch auf die Demonstranten geschossen hat und zwar scharf. Auch, dass die Muslimbrüder mit den Salafisten über 80 Prozent aller Sitze im Parlament hatten. Wo sich dann viele gefragt haben: Was hat das jetzt eigentlich alles gebracht? Das wird alles nicht so  einfach wie wir dachten. Wir haben uns das mit der Demokratie anders vorgestellt. Was parallel passiert ist, ist, dass alte Ängste, die unter Mubarak schon geschürt wurden, wie: „Wenn nicht ich, dann das Chaos oder der Fanatismus“, zu spüren waren. Es hat sich bestätigt. Dann mit Mursi setzte ein echtes Entsetzen ein, wo man gemerkt hat, es hat sich nichts geändert am System. Zwei Jahre Wirtschaftskrise, Stromausfall und alles. Dann war die Lage besonders angespannt.

Nermin Ismail: Die vier Frauen sind zwar alle Ägypterinnen, aber ziemlich verschieden. Hatten Sie den Anspruch alle Schichten zu repräsentieren? Wie erfolgte die Auswahl der vier Protagonistinnen?
Alexandra Schneider:
Ich hatte den Wunsch, dass eine Vielfalt von Frauen, von Ideologien vertreten ist, aber auch von Arten des Engagements. Es sind nicht vier Frauen, die alle bei den Straßendemos oder, die alle in einer Partei sind. Wie der Titel suggeriert. Ein echter Umbruch findet auf der Straße, aber auch im Privaten statt. Wichtig ist, dass der private Diskurs beleuchtet wird, der kommt oft zu kurz, weil er nicht leicht zugänglich ist. Das ist der Vorteil eines Films, man kann über einen längeren Zeitraum beobachten. Das war auch mein Ziel. May hat andere Art von Revolution und auch Amani und es ist wichtig, dass sie vertreten sind und nicht nur eine Sharbat und eine Fatema, deren Engagement ich super finde. Es gibt Veränderungsprozesse auf vielen Ebenen.

Nermin Ismail: Wie schätzen Sie die derzeitige Lage in Ägypten ein?
Alexandra Schneider: Es ist jetzt so eine Pendelbewegung, die von der Straße mehr innerhalb der Hausmauern geschwappt ist. Der Diskurs muss innerhalb der Häuser weitergehen. Patriarchale Strukturen müssen in Frage gestellt werden. Es ist auch im Beruflichen kaum üblich, dass man eigenverantwortlich arbeitet, man hat einfach Vorgesetze, die alles diktieren. Solche Dinge gehören auch dazu, wenn eine ganze Gesellschaft auf Dauer demokratischer werden will. In Europa war das auch ein langer Prozess.  Nach der Französischen Revolution kam auch Metternich und Biedermeier, ein Polizeistaat mit Spitzelwesen, trotzdem gab es diese Kultur der Diskussion und diese Bürgersalons. Es ist vielleicht nicht so offensichtlich, was passiert, aber es passiert etwas. Erst dann kannst wieder auf die Straße gehen.

Nermin Ismail: War es gefährlich in einer solchen Zeit in Ägypten zu arbeiten?
Alexandra Schneider:
Ich hatte nie das Gefühl in einer größeren Gefahr zu sein als die Protagonistinnen. Dabei hatte ich immer den Luxus bzw. das Privileg gehen zu können. Das haben die Ägypter nicht. Aber natürlich bin ich eher aufgefallen durch die Kamera und das europäische Aussehen. Deswegen war ich eher Zielscheibe von Aggressionen.

Nermin Ismail: Warum der Titel: „Private Revolutions?! Erleben die Protagonistinnen Revolutionen in ihrem Leben parallel zur ägyptischen Revolution?
Alexandra Schneider:
Jede Frau ist aus dem familiären Umfeld auf eine gewisse Art und Weise ausgebrochen, sogar die Fatema. Fatema macht das sehr subversiv und wirkt angepasst, aber dass sie ihr Studium fertig macht und bei den Muslimbrüdern aktiv ist, obwohl ihr Mann das überhaupt nicht ist, ist schon bewundernswert. Sie zieht ihr Ding durch. Amani hat sowieso mit der ganzen Familie gebrochen. Eine von wenigen Menschen, die abhauen und sich alleine durchschlagen. Die Sharbat lässt sich im Laufe des Films scheiden. Bei Mey haben die Eltern gesehen sie können sie nicht abhalten und unterstützen sie jetzt, aber sie hatte gegen massiven Widerstand des Elternhauses den Job aufgegeben und ist nach Aswan gezogen. Alle brechen unmittelbar aus ihrem Umfeld aus oder verändern es. Das macht sie neben dem gesellschaftlichen Engagement auch so spannend, weil sie einen persönlichen Preis zahlen für ihr Idealismus und ihrem Engagement.

Nermin Ismail: Worum geht es eigentlich im Film? Ist es ein Portrait von vier Frauen in Ägypten?
Alexandra Schneider:
Es sind vier Portraits, die zu einem Gesellschaftsbild zusammenfließen. Es gibt noch Millionen andere Schicksale. Die Vier erlauben zusammen einen Eindruck in eine neue Generation von Ägyptern, die da an allen möglichen Ecken entsteht. Der Film ermöglicht auch einen Einblick in die Vielfalt der ägyptischen und der muslimischen Frau. Die sind nicht unterdrückt oder passiv.

Nermin Ismail: Mit welcher Protagonistin konnten Sie sich am meisten identifizieren?
Alexandra Schneider:
Für mich war das nie Thema. Natürlich habe ich nicht die gleiche Nähe zu Fatema, abgesehen davon, dass wir nicht mehr in Kontakt sind. Aber ich habe nie eine Wertigkeit gehabt. Für mich war es genauso spannend mit Fatema zu drehen, wie mit Mey, Amani oder Sharbat. Sharbat und ich haben eine sehr enge Beziehung, die es ermöglicht hat, ohne eine gemeinsame Sprache zu sprechen, besser als mit einem Dolmetscher. Ich habe auch ihre Söhne ins Herz geschlossen. Amani ist auch eine enge Freundin geworden, aber auch Mey ist wir eine kleine quirlige Schwester, die ich auch sehr lieb habe. Jede der vier hat Eigenschaften, für die ich sie wirklich bewundere und die mich berühren.

Nermin Ismail: Was ist die Message des Films eigentlich?
Alexandra Schneider:
Ich finde in den letzten Jahren haben wir viel über Ägypten gehört, aber wir wissen sehr wenig vom Land und wie es dort ist. Wir hören viel darüber, aber wir wissen nichts über die Menschen. Da erlaubt der Film einen Blick rein und macht eine Nähe auf und zeigt auf einmal eine Vielfalt. Er zeigt Frauen die Opfer und Heldinnen gleichzeitig sind. Opfer von Umständen, wie bescheuerte Regeln in ihrer Gesellschaft, aber sie wehren sich heldenhaft gegen gewisse Umstände und haben eine Stärke, wo man als Europäerin nur total beeindruckt sein kann. Diese Ambivalenz erlebbar zu machen ist eine Stärke von dem Film. Diese Ambivalenz, dass es nicht schönzeichnet die Herausforderungen und die Schwierigkeiten, die auf Ägypten warten und auch auf diese Frauen mit ihrem Engagement. Sie stoßen auf Wiederstände. Aber die haben eine Energie, eine Ausdauer, einen Humor, wo man sich echt eine Scheibe abschneiden kann. Sie machen immer weiter, lassen sich nicht unterkriegen. Immer wieder sich aufrappeln und weitertun. Das macht ein ganz anderes neues Bild auf, zu dem was wir gerne an Bildern und Klischees in den Köpfen haben über den arabischen Raum.

Nermin Ismail: Vor wenigen Tagen jährte sich der Jahrestag vom Rücktritt Mubaraks. Wie steht’s um die Revolution gerade?
Alexandra Schneider:
Rein politisch wird jetzt alles unterdrückt, da wird keine Luft gelassen für irgendwelche Kritik. Macht es sehr eng und sehr schlimm. Ich sehe nicht, dass dieses Regime mit dem Militär an der Spitze Interesse für Reformen hat. Ohne Reformen wird es aber keinen wirtschaftlichen Aufschwung geben. Wenn in einigen Jahren den Ägyptern klar wird, dass sich ihre Situation nicht verbessert und es nach wie vor katastrophal ist mit allem. Mit Strom, Verkehr, Korruption, Bildung, mit Müll usw. – dann wird es hoffe ich schon an den Punkt kommen, wo die Sehnsucht nach Sicherheit u Stabilität kleiner wird gegenüber der Unzufriedenheit, den Frust und Ärger darüber was alles nicht funktioniert und nicht läuft. Ich habe mich geärgert über die westlichen Medien vor allem in den letzten zwei Jahren, die meinten der arabische Frühling sei gescheitert und gestorben, weil ich mir denke, was für eine Arroganz zu sagen, jetzt ist es vorbei der Prozess und er ist auch noch dazu gescheitert. Kannst nicht ein ganzes System über Bord werfen in wenigen Jahren. Dann gibt es viele Interessen im Hintergrund.

Nermin Ismail: Welchen Eindruck haben Sie von der Rolle der Frauen in der ägyptischen Revolution?
Alexandra Schneider:
Mein Eindruck ist, dass die Frauen auf einer gewissen Ebene das Motor der Revolution waren. Wie der Prozess immer mühsamer und immer frustrierender, da waren es immer mehr die Frauen, die der Motor waren. Weil die Frauen, Ägypterinnen sind viel mehr gewohnt Rückschläge einzustecken und sich nicht unterzukriegen zu lassen, können das besser als Männer. Sie lassen sich nicht unterkriegen. Die Gesellschaft bevorzugt Männer eher, dass ihnen Dinge in die Schoss fallen, aber Frauen haben eine andere Erfahrung gemacht. Frauen sind nicht so schnell so persönlich gekränkt. Frauen, sind die, die den größeren Leidensdruck haben. Sie haben dann mehr Motivation haben etwas zu verändern. Von Anfang an waren auch Frauen am Tahrir dabei, bis in den vordersten Reihen: Frauen, die Sprechgesänge vorgerufen haben auch Mutter, die um ihre Kinder geschrien und gebetet haben. Das hat auch das Regime gemerkt und es ist kein Zufall, dass dann die sexuellen Belästigungen zugenommen haben. Man hat ihren Schwachpunkt erkannt. Frauen haben wenn nicht direkt auf der Straße sicher auch im Hintergrund einen großen Einfluss auf die Revolution gehabt.

„kino.de“

 Filmhandlung und Hintergrund

Private Revolutions – Jung, weiblich, ägyptisch: Dokumentarfilm, der vier Ägypterinnen porträtiert, die sich als Businessfrauen, in der Politik und im Privatleben in einer Männerdominierten Gesellschaft behaupten.

Nach den Veränderungen, die der Arabische Frühling in Ägypten mit sich brachte, streben auch die Frauen des mehrheitlich islamischen Landes nach mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft. Die Dokumentation „Private Revolutions – Jung, Weiblich, Ägyptisch“ von Alexandra Schneider begleitete zu diesem Zweck vier unterschiedliche Frauen und erzählt von ihrem alltäglichen Kampf um mehr Anerkennung. Dabei konzentriert sich Schneider, die die vier Frauen fast zwei Jahre lang begleitet hat, auf die Revolution der kleinen Frau von der Straße und ihre ganz normalen Probleme, die dieses Bestreben mit sich bringt. Sharbat, eine Aktivistin, die sich auf der Straße für ihre Überzeugungen einsetzt, musste schnell erkennen, dass selbst ihre liebsten Mitmenschen nicht hinter ihrem Vorhaben stehen. Denn ihr eigener Ehemann hat sie zusammen mit ihren Kindern aufgrund ihres politischen Engagements aus dem gemeinsamen Haus geworfen. Neben Sharbat wird auch das Schicksal von Fatema in der Dokumentation beleuchtet. Sie ist Mitglied in der Muslimischen Schwesternschaft und muss sich neben der Beteiligung bei der Organisation gleichzeitig auch noch um ihre drei Kinder kümmern. Auch Amani muss viele Projekte unter einen Hut bringen. Sie besitzt einen eigenen Radiosender und einen Verlag, die sie beide nutzt, um sich für die Rechte von Frauen einzusetzen und ihre Ideale einem größeren Publikum präsentieren zu können. Abschließend werden auch die Bemühungen von May gezeigt. Die Nubierin versucht im ausgesprochen konservativen Süden ein Entwicklungsprojekt zu starten. Ein ständiger Begleiter für die vier Frauen sind in ihrem Kampf um Gleichberechtigung andauernde Konflikte mit der männerdominierten Gesellschaft, die es in Ägypten weiterhin gibt.